Kraft und Anmut-Fahrbericht zum GRACE PRO E-Motorbike (2010)

23.03.12 1 Kommentar von
GRACE nach der Auslieferung im August 2010

“GRACE is RACE” heißt es so schön in der Werbung. Jedenfalls bis 45 km/h. Diese Begrenzung war für die offizielle Zulassung beim TÜV notwendig, auch wenn rechnerisch deutlich mehr geht. Aber der Reihe nach.

Nach Verärgerung über die Marotten eines zwar schnellen, aber “konventionellen” Elektrofahrrads (heiß laufender Motor und schwache Bremsen) wagte der Autor im März 2010 eine Probefahrt auf dem damals einzigen, heute legendären Prototypen des GRACE.

Die Vorfreude nach der Bestellung wurde dann aber lange strapaziert. Erst im August kam es zur Auslieferung dieses Exemplars aus der ersten Kleinserie von 20 Stück, was die Schwierigkeiten bei der Produktion erahnen lässt. Die weiteren Beschreibungen beziehen sich auf dieses Exemplar von 2010. In 2011 wurden einige Details aus Gründen kürzerer Montagezeiten und der leichteren Wartung am nun GRACE PRO genannten Modell verändert, die auch in einem “erträglicheren” Gewicht resultierten. Zusätzlich wurde in günstigeres Modell GRACE ONE aus industrieller Produktion angeboten, diesmal rechtzeitig zum Saisonstart. Während die Modelle PRO und ONE als “E-Motorbikes” eindeutig die Motorkraft dominiert, sind für 2012 nun noch zwei weitere, leichtere Modelle “MX” und “Easy” angekündigt, bei denen die Betonung wieder mehr auf den Fahrradeigenschaften liegt.

Aber was ist nun ein E-Motorbike?

  • • Diese Kategorie wurde mit der weltweit ersten Straßenzulassung von GRACE erstmals aufgestellt und ist jetzt herstellerübergreifend etabliert für “Fahrräder” mit Motorisierungen >1000 Watt in Abgrenzung zu gängigen “E-Bikes”. Sie sind Kleinkrafträdern ebenbürtig, können jedoch zusätzlich mit Pedalen angetrieben werden. “Hilfsantrieb” ist hier also nicht der Motor, sondern der Mensch, der im Unterschied zum konventionellen oder Elektro-Motorroller nicht mehr zum “Stillsitzen” verurteilt ist. Der Vorteil gegenüber E-Bikes liegt auch in der höheren Leistungsreserve und einer Ausstattung, die zu der Geschwindigkeit auch passt.
  • • Wenn man sich darauf einlässt, muss man sich auch selbst einiges an “Ausstattung” zugestehen. Ein (Motorrad-) Helm ist vorgeschrieben. ECE 22/05 ist dabei aktuell nicht zwingend, aber eine Schutzbrille ist dringend angeraten. Die sonstige Bekleidung sollte windschlüpfrig (mit Rücksicht auf den Stromverbrauch) und möglichst mit Protektoren ausgestattet sein.
  • • Radwege dürfen mit Rücksicht auf die unmotorisierten Radfahrer nicht benutzt werden, nötig ist weiterhin ein Führerschein der Klasse M, wie für Motorroller üblich, sowie ein Versicherungskennzeichen.
  • Das Fahrerlebnis

    In der City

    Kommt es auf die Entfernung nicht so an, kann man kräftig Strom geben und hat keine Probleme, im Verkehr mitzuschwimmen. Allerdings weht einem ein heftiger Wind entgegen, der vom obligatorischen Helm abgesehen auch eine gute Schutzbrille erzwingt. Aufpassen auf Fußgänger, die das Fahrzeug aus der Entfernung häufig nicht richtig einschätzen. Schade nur, dass man bei den Cityfahrten immer schon so schnell angekommen ist. Eindeutig der beste Anwendungsbereich.

    Über Land

    Zur Erzielung größerer Reichweiten hilft vor allem eins: weniger Geschwindigkeit. Bei 35 statt 45 km/h verdoppelt sich etwa die Reichweite, da nur noch etwa 250 Watt Elektroleistung benötigt werden. Das Fahrgefühl wird fahrradähnlicher, da die Muskelkraft wieder eine größere Rolle spielt.

    Die Details

    Motor:

    In der ersten Serie von 2010 wurde ein schwerer, aber effizienter und drehmomentstarker Typ verbaut.

    Solide aufgebaute Motorbaugruppe mit Stromzuführung

    Solide aufgebaute Motorbaugruppe mit Stromzuführung

    Der Controller lässt eine Dauerstromaufnahme von 35 A zu, ohne dass der Motor heiß wird. Ist man auf Stromsparen nicht angewiesen, zieht das Rad flott von der Ampel weg, vor allem bei gleichzeitigem Treten, jeden Verdacht auf ein “Verkehrshindernis” hinwegfegend. Der Stromgriff lässt aber auch eine feinfühlige Dosierung zu, und über den Radcomputer lässt sich der Maximalstrom oder die Maximalgeschwindigkeit bei Bedarf zusätzlich drosseln. Der Motor erzeugt keinerlei Betriebsgeräusch und ist für den günstigen Stromverbrauch von < 20 Wh/km in dieser Fahrzeugklasse verantwortlich.

    Computer / Controller:

    Als Radcomputer ist in einer Art “Steuerpult” der Cycle Analyst integriert, jedoch darf man sich nicht vom Verkehr ablenken lassen.

    Anzeige max. Geschwindigkeit, mittlere Geschwindigkeit, Fahrzeit in Bewegung

    Anzeige max. Geschwindigkeit, mittlere Geschwindigkeit, Fahrzeit in Bewegung

    Neben den üblichen Fahrstatistiken werden auch die Stromverbrauchswerte (in Ah) angezeigt, nach etwas Erfahrung lässt sich der verbleibende Energievorrat ziemlich genau ablesen. Über die Vorgabe des Maximalstroms und verschiedenste weitere Parameter sind einerseits Beschleunigung und andererseits Reichweite beeinflussbar.

    Rahmen:

    Der in verschiedenen Formen und Größen erhältliche Spezial-Rahmen von Nicolai aus Aluminium fährt sich bei jeder Geschwindigkeit ultrastabil. Verschiedene Rahmenformen und Größen können bestellt werden.

    Gabel:

    Rock Shox Domain, robuste und gut abgestimmte In 2010 wurde in den PRO-Modellen die eingesetzt. Aktuell gibt es german:A FLAME. Bei den ONE-Modellen wird dagegen in der Basisversion eine spezielle GRACE Starrgabel verwendet.

    Sattelstütze:

    Sattel mit speziellen Rück- und Bremslicht

    Sattel mit speziellen Rück- und Bremslicht

    Die Sattelklemme ist ein an den Rohrdurchmesser angepasstes, wuchtiges Spezial-CNC-Teil, leider ohne jede Dämpfung. Für längere Fahrten ist daher eine Rad- oder Motorradhose mit Sitzpolster zumindest empfehlenswert.

    Reifen:

    „Schwalbe Crazy Bob“ mit Zulassung für schnelle E-Bikes (bis 50 km/h). Gute Haftung auch in Schräglagen. Begrenzter Grip bei niedrigen Temperaturen.

    Akku:

    Verbaut sind modernste Lithium-Eisenphosphat-Zellen mit einer Kapazität von etwa 11 Ah. Spannungsstabil auch unter hoher Last bis etwa 20% Restladung, wenig kälteempfindlich. Der Ladestrom muss direkt dem Rad zugeführt werden, da die Akkus im Rahmen fest verbaut sind. Dafür sind Akkus und Elektronik 100% wasserdicht untergebracht. Ein zusätzliche Akkublock kann seit 2011 als “Range Extender” eingebaut werden, wodurch dann sind insgesamt 16,5 Ah Kapazität möglich sind. Bei hoher Geschwindigkeit muss man aber auch mit hohen Stromverbrauch rechnen.

    Reichweite:

    20 km innerorts bei 45 km/h gehen eigentlich immer. Außerorts lässt sich die Reichweite durch Strombegrenzung, kräftiges Mittreten und etwas weniger Tempo auf >50 km strecken.

    Schaltung:

    SRAM X7 9-fach, seit 2011 X9. Schaltung muss nur die Pedalkraft und nicht die Motorkraft übertragen, keine Entlastung beim Schalten notwendig, daher unproblematisch. Durch den Schräglauf bei hohen Gängen entsteht beim Überfahren von Unebenheiten eine Neigung zum Abspringen der Kette. Es hilft, in solchen Situationen ohne Zutritt zu fahren.

    Bremsen:

    Scheibenbremsen Magura Marta 203 mm vorn und hinten

    Lichtanlage:

    Das Licht ist hübsch hell, die Reichweite wird durch den zusätzlichen Stromverbrauch aber spürbar verringert.

    Separates Abblend- und Fernlicht, je 55 Watt Halogen, für Motorräder zugelassen.

    Separates Abblend- und Fernlicht, je 55 Watt Halogen, für Motorräder zugelassen.

    Gewicht:

    Zwar sind die 38 kg bei Motorfahrt kaum spürbar, beim Tragen über Treppen jedoch grenzwertig. Rein manuelles Fahren ist noch möglich, wenn auch etwas herausfordernd. Für ein Fahrrad zwar schwer, für ein Motorrad aber super leicht.

    Preis:

    In 2010 ca. 7000 € für das GRACE PRO. Da muss man ganz genau wissen, was man will. Der Preis ist hauptsächlich bedingt durch den von Nicolai handfertigten Spezialrahmen. Wer die Summe nicht aufbringen möchte, kann auf das GRACE ONE für 4400 € zurückgreifen, dessen Rahmen industriell gefertigt wird. Es werden gleiche Fahreigenschaften versprochen.

    Fazit

    Rahmenstabilität und saftige Motorkraft erzeugen ein besonderes Fahrgefühl, erst recht in der Kombination mit der eigenen Muskelkraft, die bei jeder Geschwindigkeit aufaddiert werden kann. Richtig “ausfahren” kann man das Fahrzeug in der City, wenn man nicht mit jeder Ah sparen muss. Gemütlichere Landtouren machen aber auch Spaß.


    Dies ist ein Erfahrungsbericht unseres Gastautors Uwe

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